Promo-Clips vor dem Musikfernsehen: Wie in den Siebzigern Musikvideos entstanden
Schon vor dem Musikfernsehen drehten Plattenfirmen kurze Werbefilme. Wie diese Promo-Clips entstanden, wozu Sender sie nutzten und wie sie später auf DVD landeten.
Lange bevor rund um die Uhr laufende Musiksender Videos zum eigenen Format machten, gab es bereits kurze Filme, die einen Song visuell begleiteten. Diese frühen Promo-Clips waren keine Kunstform im heutigen Sinn, sondern eine praktische Lösung für ein ganz konkretes Problem der Plattenindustrie. Ihre Spuren finden sich bis heute auf DVD-Zusammenstellungen zu Bands aus dieser Zeit, oft ohne dass Zuschauerinnen und Zuschauer wissen, unter welchen Bedingungen diese kurzen Filme überhaupt entstanden sind. Wie diese Clips entstanden, wer sie nutzte und wie sie später in Compilations landeten, zeigt dieser Artikel.
Das Problem, das Promo-Filme lösen sollten
Eine neue Single sollte möglichst oft im Fernsehen zu sehen sein, aber eine Band konnte nicht in jeder Sendung persönlich auftreten. Tourneen, Zeitzonen und volle Terminkalender machten es unmöglich, für jede Musiksendung im jeweiligen Land physisch vor Ort zu sein. Besonders international erfolgreiche Acts standen so vor der Wahl, entweder Auftritte in mehreren Ländern gleichzeitig abzusagen oder eine praktikablere Lösung zu finden. Die Antwort der Plattenfirmen war ein kurzer Film, der stellvertretend für den Live-Auftritt an Sender verschickt werden konnte, damit ein Song trotzdem visuell begleitet lief.
Die Beatles als früher Taktgeber
Zu den ersten Acts, die diese Idee konsequent nutzten, gehörten britische Bands wie die Beatles und die Rolling Stones, die ab Mitte der Sechziger eigene kurze Filme zu ihren Singles produzieren ließen. Besonders die Beatles setzten das Mittel gezielt ein: Nachdem sie 1966 das Touren aufgegeben hatten, ließen sie zu ihren neuen Singles regelmäßig solche Filme drehen, die anstelle eines persönlichen Auftritts an Fernsehsender gingen. Ab 1967 wurden diese Filme technisch und inhaltlich ambitionierter, mit ungewöhnlichen Schnitten und surrealen Bildwelten statt reinem Playback vor der Kamera. Damit verschob sich der Anspruch an solche Clips spürbar: Aus einer reinen Ersatzlösung für einen fehlenden Live-Auftritt wurde ein eigenständiges kreatives Ausdrucksmittel, das über die reine Promotion hinausging.
Schnelle Verbreitung in der Branche
Was bei einzelnen großen Acts begann, wurde innerhalb weniger Jahre zur verbreiteten Praxis. Andere britische Bands jener Zeit folgten dem Beispiel und ließen ebenfalls eigene Promo-Filme produzieren. Bereits 1967 stellten Plattenfirmen solche Kurzfilme auch für weniger bekannte Künstlerinnen und Künstler her, nicht nur für die größten Namen der Branche. In den Siebzigern gehörten aufwendig inszenierte Promo-Filme für viele Acts der Glam- und Pop-Ära zum festen Bestandteil einer Single-Veröffentlichung. Damit war der Promo-Film endgültig kein Sonderfall für wenige Superstars mehr, sondern ein Standardwerkzeug, das grundsätzlich jedem Act mit einer aktuellen Veröffentlichung offenstand, sofern das Label die Produktionskosten übernahm.
Warum Sender die Filme überhaupt annahmen
Für Fernsehredaktionen lösten die eingesandten Filme ein organisatorisches Problem: Statt eine Band einzuladen, ins Studio zu bestellen und für einen Auftritt vorzubereiten, konnte ein fertiger Filmclip einfach eingespielt werden. Das passte zudem zu einer Einschränkung, mit der viele Musiksendungen dieser Zeit ohnehin zu kämpfen hatten: Vereinbarungen zwischen Musikergewerkschaft und Sendern begrenzten, wie viel Sendezeit mit fertigen Schallplattenaufnahmen bestritten werden durfte, was Live-Auftritte aufwendiger und stärker reglementiert machte als den einfachen Einsatz eines mitgelieferten Films.
Produktion: schnell, günstig, funktional
Anders als heutige, oft aufwendig inszenierte Musikvideos waren frühe Promo-Filme meist einfach gehalten: eine Kameraeinstellung, eine Studiokulisse oder ein Außendreh, dazu die Band beim Playback zur fertigen Studioaufnahme. Der Anspruch lag nicht auf künstlerischer Innovation, sondern darauf, günstig und schnell ein visuelles Gegenstück zu einer neuen Single zu liefern, das an mehrere Sender gleichzeitig verschickt werden konnte, statt für jede Sendung einen eigenen Auftritt zu organisieren. Diese Wiederverwendbarkeit war ökonomisch der eigentliche Kern der Idee: Ein einziger Dreh ersetzte potenziell dutzende einzelne Fernsehtermine in verschiedenen Ländern und sparte damit erhebliche Reise- und Organisationskosten.
Vom Lückenfüller zum eigenen Format
Mit steigender Zahl an Musiksendungen und wachsendem Interesse an visueller Vermarktung entwickelten sich diese Filme über die Siebziger hinweg von einer reinen Verlegenheitslösung zu einem festen Bestandteil der Promotion. Plattenfirmen begannen, den visuellen Auftritt einer Band ebenso bewusst zu planen wie das Bühnenoutfit oder das Cover-Artwork, weil der Film oft die einzige bewegte Darstellung eines Songs war, die viele Zuschauerinnen und Zuschauer überhaupt zu sehen bekamen.
Der Sprung von Kino und Fernsehen zur eigenen Videokultur
Diese frühen Filme liefen zunächst ausschließlich im linearen Programm bestehender Musiksendungen, da es noch keine Sender gab, die ausschließlich Videos zeigten. Erst mit der Gründung spezialisierter Musikfernsehsender ab Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger entstand ein eigenes Format dafür, was rückblickend oft als Geburtsstunde des modernen Musikvideos beschrieben wird. Die davor entstandenen Promo-Filme gelten als die unmittelbaren Vorläufer dieser späteren Videokultur. Ohne die jahrelange Vorarbeit der klassischen Promo-Filme hätten die neuen Musiksender zum Sendestart kaum auf ein bereits eingespieltes Produktionsverfahren zurückgreifen können.
Wie diese frühen Clips später wieder auftauchten
Viele dieser ursprünglich für einzelne Fernsehsendungen produzierten Filme verschwanden zunächst in den Archiven der Plattenfirmen und wurden erst Jahre später wieder sichtbar. Mit dem Aufkommen von Video- und später DVD-Zusammenstellungen erhielten solche Clips ein zweites Leben: Sie boten Labels eine Möglichkeit, bewegtes Bildmaterial zu einer Band zu veröffentlichen, ganz ohne auf vollständige, oft nicht mehr vorhandene Konzert- oder Fernsehmitschnitte angewiesen zu sein. Aus Sicht eines Labels waren diese alten Filme damit doppelt wertvoll: einmal als ursprüngliches Werbemittel zur Veröffentlichungszeit der Single, ein zweites Mal Jahrzehnte später als eines der wenigen verfügbaren Bildzeugnisse überhaupt.
Warum diese Clips bis heute das Bild vieler Bands aus dieser Zeit prägen
Weil komplette Konzertaufzeichnungen aus den Siebzigern häufig fehlen, sind es gerade diese kurzen Promo-Filme, die für viele Bands jener Ära bis heute das greifbarste bewegte Bildmaterial darstellen. Auf DVD-Zusammenstellungen zu Acts aus dieser Zeit finden sich deshalb oft überwiegend solche Studio- oder Playback-Clips statt echter Live-Mitschnitte, ein Umstand, der sich unmittelbar aus der damaligen Produktionslogik erklärt. Wer eine solche Zusammenstellung in den Händen hält, sieht damit in der Regel nicht zufällig ausgewähltes Archivmaterial, sondern das, was aus der Promotion-Praxis jener Jahre überhaupt in ausreichender Bildqualität überliefert wurde.
Einordnung statt Heldengeschichte
Es lohnt sich, diese frühen Promo-Filme nüchtern einzuordnen: Sie waren in erster Linie ein pragmatisches Werkzeug der Plattenindustrie, kein von Anfang an geplantes neues Kunstformat. Erst im Rückblick, nach der Entstehung eigener Musikfernsehsender, wurden sie zu dem erklärt, was sie aus heutiger Sicht sind – die frühe Vorstufe des Musikvideos. Diese nüchterne Einordnung schmälert ihren historischen Wert nicht, sie erklärt ihn nur richtig: als Ausgangspunkt einer Entwicklung, die erst Jahre später zu einem eigenständigen Format wurde.
Mehr zum Hintergrund dieser DVD-Ausgaben findest du in den beiden anderen Beiträgen dieser Reihe: Wir erklären, warum von vielen Fernsehauftritten der Siebziger kein Band mehr existiert, und zeigen, woran du offizielle Ausgaben erkennst und was Regionalcodes bedeuten. Welche Veröffentlichungen es zur Band überhaupt gibt, steht in unserer Übersicht zu den DVDs der Bay City Rollers.
Häufige Fragen
Warum wurden Promo-Filme überhaupt produziert?
Sie ersetzten den persönlichen Fernsehauftritt einer Band, wenn ein Live-Termin wegen Tourneen, Entfernung oder Terminkonflikten nicht möglich war, und ließen sich an mehrere Sender gleichzeitig verschicken.
Wer hat mit dieser Praxis angefangen?
Britische Bands wie die Beatles und die Rolling Stones gehörten Mitte der Sechzigerjahre zu den ersten, die regelmäßig eigene Promo-Filme produzieren ließen.
Sind diese frühen Clips dasselbe wie moderne Musikvideos?
Sie gelten als unmittelbare Vorläufer, unterscheiden sich aber in Produktionsaufwand und Anspruch deutlich von den aufwendig inszenierten Musikvideos, die erst mit eigenen Musikfernsehsendern entstanden.
Warum spielten Bands in diesen Filmen oft nur zum Playback?
Das lag unter anderem an Regelungen, die die Sendezeit für fertige Tonträgeraufnahmen im Fernsehen begrenzten und Live-Auftritte aufwendiger machten als den Einsatz eines fertigen Films.
Warum bestehen viele DVD-Zusammenstellungen aus dieser Zeit vor allem aus solchen Clips?
Weil vollständige Konzert- oder Fernsehmitschnitte aus den Siebzigern häufig gar nicht mehr existieren, sind gerade diese kurzen Promo-Filme oft das einzige erhaltene bewegte Bildmaterial zu einem Song.